Sinnloses Gelaber

Ich stelle mir vor:

Ich bin 15 Jahre alt, Schülerin und meine Lehrerin hat „das Bedürfnis“, ein neues Bewertungskriterium für meine Kommunikationsweise einzuführen. Auf einer Skala von 1 bis 5 wird bewertet, ob meine Redebeiträge bei zielführenden Gesprächen/Diskussionen (1) oder bei sinnlosem Gelaber (5) zu verorten sind.

Meine Lehrerin stellt bei mir nämlich eine Tendenz zu sinnlosem Gelaber fest.

Wie ich mich fühle?

Beschämt. Ich schäme mich, dass sie meinen Beiträgen Wert abspricht.

Bloßgestellt. Vor anderen Lehrer*innen und Mitschüler*innen sagt sie mir, dass ich zu „sinnlosem Gelaber“ neige.

Es verletzt mich. Ich bin verunsichert und weiß langsam gar nicht mehr, welche Gesprächsbeiträge von mir akzeptabel sind und welche nicht. Vielleicht rede ich am besten gar nicht mehr? – Nur dann bin ich ihr wahrscheinlich zu still…

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Als ich als Lehrerin mitbekomme, dass eine Kollegin diese „Unterstützungsmaßnahme“ bei einer Schülerin einführen möchte, bekomme ich Bauchschmerzen.

Es ist entwürdigend, so etwas zu einem anderen Menschen zu sagen. Es ist demütigend und abwertend.

Ich fühle das sofort.

Außerdem weiß ich sofort, wie sinnvoll „sinnloses Gelaber“ ist. In unserer (Schul)Welt haben wir sowieso schon viel zu viel Ernst und Ernsthaftigkeit, viel zu viel Verstand und Disziplin und geistige wie körperliche Bewegungslosigkeit und viel zu wenig Freude und Vergnügen.

Welch ein Segen, wenn ein Mensch sich seinen Sinn für Humor, seine Phantasie, seine Freude an ungewöhnlichen Gedankengängen, seinen Witz und seine Entdeckerlust bewahrt!

Und überhaupt: Wer maßt sich an, zu bewerten, welche Wortbeiträge sinnloses Gelaber sind.