Helikoptergeräusche und das Abenteuer

Da sitzen Schüler (Jungen sind gemeint) in der Schule, die es kaum erwarten können, endlich Feuerwehrmann zu sein und die jedes noch so leise Geräusch einer Sirene oder eines Helikopters in der Ferne wahrnehmen. Es ist, als würde das Abenteuer von Weitem rufen. In ihren Körpern vibriert die Energie. In den Pausen wird der Ball geschnappt und sich im Spiel miteinander gemessen. Zwischendurch wird ein Schokokeks eingeworfen, wenn denn gerade Zeit dafür ist, und weiter geht es mit dem Ball.

Und dann ist die Pause wieder vorbei. Zurück geht es an den Schreibtisch. Zurück sind Hefte, Stifte, Lehrer*innenansagen, trockene Mathe-, Deutsch- oder Sonst-was-Übungen. Ab und zu ruft die Sirene aus der Ferne. Ein Schüler steht spontan auf, um den Lehrer vorne am Tablet zu unterstützen. Der Lehrer ermahnt: „Du stehst nur auf, wenn ich es dir erlaubt habe.“

Bedürfnisse nach Abenteuer, Bewegung, Ausleben der eigenen Interessen werden unterdrückt. Impulse werden unterbunden.

Immer wieder schweift der Blick der Jungs zur Uhr. Noch 15 Minuten bis zur Pause, noch zehn, noch fünf. Zeit wird abgesessen.

„Darf ich einen Keks essen, Frau Müller?“ „Du machst jetzt noch Latein zu Ende. Dann darfst du einen essen.“ Schüler müssen tun, was Lehrer*innen vorschreiben.

„Wackel nicht so rum. Sitz jetzt endlich mal still, Timo.“ Energie wird lahm gelegt.

Schuld wird eingeredet: „Du provozierst mich die ganze Zeit. Wenn du mich jetzt noch einmal provoziert, dann gibt es was, Lukas.“, warnt der Lehrer.

Hinter all diesem Verhalten der Lehrer*innen steckt in Schule ganz häufig eine Haltung des „Ich meine es ja gut mir dir. Und du machst nicht mit.“

Ich frage mich, wie viele Lehrer*innen ihre eigene Energie, ihre eigenen Impulse und Bedürfnisse (nach Essen, Bewegung, Trinken, Ruhe, anregenden Tätigkeiten) unterdrücken und ebenfalls die Zeit absitzen (bis zur nächsten Pause, bis zum Wochenende, bis zu den Ferien)? Viele von uns Erwachsenen haben einfach gelernt, gut durchzuhalten.

Schule glaubt zu wissen, was für junge Menschen richtig ist. Dadurch entsteht Entfremdung und Misstrauen. Wenn junge Menschen permanent hören, dass ihre Bedürfnisse, Wünsche und Interessen nicht richtig sind oder dafür kein Raum ist, entfremden sie sich von sich selbst und fangen (möglicherweise) an, ihren Bedürfnissen und Impulsen zu misstrauen. So sehr lernen sie, dass andere es für sie besser wissen. „Nein, du isst jetzt nicht. Du hast noch keine Pause.“

Glücklicherweise gibt es viele junge Menschen, sie so stark sind nicht einzuknicken. Sie haben so starke Lebensgeister, dass sie bei sich bleiben und dem eigenen Wesen treu bleiben.

Viele aber knicken ein. Sie glauben daran, dass andere es besser für sie wissen. Sie lernen Bedürfnisse zurückzustellen, brav zu sein und sich anzupassen. Sie stellen sich auf Standby. Manchmal wachen sie aus dem Standby nicht mehr auf.

Uns Lehrer*innen sitzen junge Menschen mit eigenen Träumen, Wünschen und Interessen gegenüber. Wir teilen mit ihnen dieselben menschlichen Grundbedürfnisse.

Sie sind nicht böse.
Sie wollen leben.
Sie wollen autonom und eingebunden sein.
Sie wollen Alleingänge starten und Rückhalt bei den Erwachsenen haben.
Sie wollen Abenteuer und das Leben erfahren.

Und das Abenteuer riecht ganz anders als in der Schule unter Stillsitzen zu Aufgaben gezwungen zu werden.

Ich weiß, wie schwierig oder unmöglich (?) es ist, dem Rechnung zu tragen, wenn man als Lehrer*in selbst in eine enge Zeitstruktur eingebunden ist, die Zahl der Klassenarbeiten vorgeschrieben ist und die Fachschaft wöchentliche Vokabeltests festgelegt hat.

Lasst uns dennoch unsere Gemeinsamkeiten als Menschen wiedererkennen und unser Vertrauen wieder herauskramen. Und vielleicht auch eine große Portion Mut, etwas anders zu machen.