Korrekturen

Ich habe bisher von keinem Kollegen gehört, dass er die Korrekturen von Klassenarbeiten, Klausuren oder anderen Prüfungen gern macht. Ich habe eher das Gegenteil wahrgenommen. Kolleg*innen verdrehen die Augen, wenn die Korrekturberge auf dem Schreibtisch warten. Kolleg*innen ächzen unter der Last der Korrekturstapel (auch unter Corona). „Die werden am Wochenende wieder viel Zeit kosten“, stöhnen sie im Lehrerzimmer. Ich kenne Kolleg*innen, die plötzlich zum Hausputz motiviert sind, bevor sie auch nur eine der Klassenarbeiten anrühren mögen. Ein Kollege zieht und zieht die Korrekturfrist in die Länge, weil er sich einfach nicht aufraffen kann. Ein anderer Kollege erzählt, dass er beim Korrigieren aus Frust viel zu viel Schokolade isst, und mir wurde empfohlen, die Korrekturen bei einem Glas Wein zu erledigen. Dann würde es mir leichter von der Hand gehen.

Als Lehrerin mit zwei Korrekturfächern gibt es Einiges zu korrigieren. Zwei bis drei Klassenarbeiten pro Halbjahr pro Lerngruppe. Dazu die, wenn man seinen Job gut macht, wöchentlichen Vokabeltests in jeder Lerngruppe. So einige mitleidige Blicke habe ich mit meinen beiden Korrekturfächern geerntet: „Warum hast du dir auch zwei Sprachen ausgesucht?!“ Was das im Lehreralltag bedeutet, habe ich mir zu Beginn des Studiums wohl nicht gut genug vorgestellt.

Was sind die Korrekturen auf der anderen Seite für die Schüler*innen? Die Klassenarbeiten, die Klausuren. Auch bei den Schüler*innen erlebe ich wenig Freude über diese. Oft spüre ich eher Angst und Anspannung.

Lehrer*innen und Schüler*innen empfinden es also eher als Last.

Warum machen wir das dann überhaupt? Wer hat uns gesagt, dass es so sein muss? Ist das nicht verrückt? Wir erhalten etwas aufrecht, das die meisten daran beteiligten Menschen sehr stresst.

Tun wir das aus Angst? Weil es immer so war? Weil es uns so beigebracht worden ist? Weil wir doch Prüfungen schreiben müssen?

Ist es uns das wert, wenn so viel Freude und Lebensqualität dabei auf der Strecke bleibt?

Vielleicht könnten wir uns trauen, etwas Anderes auszuprobieren. Denn wir haben ein freudvolles Leben verdient. Auch in der Schule.

Ich möchte einladen, die Korrekturberge zu verringern und uns Sachen zu widmen, die uns wirklich Freude machen. (Wunderbar übrigens, wenn das zufällig das Schreiben und die Korrektur von Klassenarbeiten ist. Das kommt ja vielleicht vor.)