Nie gut genug

In meiner Ausbildung zur Lehrerin hat mir ein Ausbilder mal gesagt, dass der Job der Ausbilder*innen ist, zu kritisieren, immer noch etwas zu finden, was verbesserungswürdig ist.

In der Schule ist es ähnlich. Dort ist es der Job der Lehrer*innen. Und wir finden eigentlich immer etwas, das verbessert werden könnte. Ich kann diese Perspektive nachvollziehen. Eine Klassenarbeit ist sehr gut, aber irgendwie schwant mir als Lehrerin, dass da noch Potenzial nach oben ist. (Selbst wenn es mir selbst gerade nicht klar ist, wie das konkret aussehen könnte.) Da ist aber so ein Gefühl. Also keine volle Punktzahl oder das Minus an die Eins gehängt.

Ein Tipp einer Ausbildungslehrerin war, nie einen „perfekten Mustertext“ im Unterricht rauszugeben. Zu schnell wird man dann festgenagelt auf diese Vorgaben, die man gemacht hat. Besser ist es, etwas unkonkret in der Beschreibung der Anforderungen zu bleiben. Dann kann man sich noch rausreden.

Dass Jana, 12 Jahre, mit zwei Vieren und fünf Dreien auf dem Zeugnis „was tun muss“, ist allen an Schule Beteiligten klar. Und dass sie sich gerade zu sehr für Pferde interessiert auch. Also bekommt sie Beratung und Lernempfehlungen der Lehrer*innen. Nicht gut genug.

Was ist aber mit Luisa? Luisa hat das Zeugnis voller Einsen und bereits Stoff vorgearbeitet. Wie löblich! Ist es nicht das, was in Schule erwartet wird? Alle Erwartungen sehr gut erfüllt.

Aber nein, auch das ist uns Lehrer*innen nicht recht. Abgesehen davon, dass wir es lieber hätten, Luisa arbeitete in unserem Tempo, fallen im Lehrerzimmer Begriffe wie „spaßbefreit“, „zu ehrgeizig“, „Streberin“, wenn über Luisa geredet wird.

Es kann doch nicht wahr sein!

Dieses Kind tut brav alles, was von ihm erwartet wird, und dann ist es auf einer anderen Ebene wieder falsch. Nicht gut genug.

Es macht mich wütend. Es sind Menschen in der Schule, die diese ganzen Arbeitsaufträge und Erwartungen erfüllen und die Bewertungen über sich ergehen lassen sollen.

Nicht gut genug.

Wie viele Kinder tragen dieses Gefühl auf der einen oder anderen Ebene mit sich herum?

Das Fatale ist: In Schule ist es kaum jemals gut genug. Selbst wenn das Zeugnis voller Einsen ist. Selbst wenn jemand sich für die Drei so sehr angestrengt hat.


Zu redselig auf der einen Seite, zu schüchtern auf der anderen.
Zu langsam auf der einen Seite, zu schnell auf der anderen.
Zu verspielt auf der einen Seite, zu vernünftig auf der anderen.

Ich glaube, es würde vielen (jungen) Menschen gut tun, ließen wir von unserem Bewertungswahn ab.