Verspätung

Das System Schule schreibt vor, wann Lehrer*innen und Schüler*innen wo zu sein haben. Um 8:05 am Spanischraum.

Wenn Lehrer*innen sich dann herausnehmen aus privaten Gründen fünf Minuten später zu kommen, ist das grenzwertig, nein grenzüberschreitend.

Wenn jene Lehrer*innen wiederum jede Minute Verspätung von Schüler*innen ahnden, werden zweierlei Maß angewendet: „Ich  – aus meiner Rolle als Lehrer*in – darf mir erlauben, (aus privaten Gründen) zu spät zu kommen, während du – als Schüler*in – dir dies nicht erlauben darfst.“

Nicht wertschätzend ist jede Verspätung in Schule sowieso. Die Schüler*innen, die vor dem Klassenraum warten müssen, erfüllen die ihnen auferlegte Pflicht zum Unterricht zu erscheinen und müssen zusätzlich warten (- obwohl sie sich vielleicht beeilt haben, pünktlich zu sein.) Na klar, viele Schüler*innen freuen sich oder sind erleichtert: Besser fünf Minuten im Flur rumstehen und warten als Unterricht. – Freuen sie sich über das kleinere Übel?

Es gibt auch Schüler*innen, denen der Zwangscharakter von Schule sehr bewusst ist und die Verspätungen als zusätzliche Zeitverschwendung empfinden: „Jetzt bin ich schon pünktlich hier, folge der Fremdbestimmung und dann kommt der Lehrer noch zu spät!“ Sind diese Schüler*innen vielleicht einfach extrem unentspannt? Warum freuen sie sich nicht über fünf Minuten mehr „Chillzeit“?

Nein, sie sind nicht unentspannt. Ihnen ist die Fremdbestimmung in Schule bewusst. Sie nehmen sehr klar wahr, dass sie Anforderungen des Systems erfüllen (zum Beispiel pünktliches Erscheinen), aber auf der anderen Seite die Anforderungen nicht eingehalten werden (Lehrer*in kommt zu spät). Sie nehmen das Machtgefälle deutlich wahr.

Warum dürfen Lehrer*innen sich herausnehmen zu spät zu kommen, während Verspätungen von Schüler*innen grundsätzlich erstmal anzukreiden sind? (Nicht jede*r Lehrer*in tut das!)

Wo ist der Unterschied zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen?