Übers Labern, Durchmogeln und Türschwellenpädagogik

Für den, der nicht selbst als Lehrer*in arbeitet und den Schulalltag nicht kennt, ist es kaum nachvollziehbar, wie herausfordernd ein Lehrer*innen-, aber auch Schüler*innenalltag ist. Oft bleibt neben Konferenzen, Schüler*innengesprächen, Organisatorischem, Klassenleitungsaufgaben, Korrekturen und anderen nebenunterrichtlichen Aufgaben wenig Zeit für die Unterrichtsvorbereitung.

Gut aufgestellt sind also Kolleg*innen, die gut improvisieren können und mit minimalem Vorbereitungsaufwand ihre Unterrichtsstunden aus dem Hut zaubern.

Notfalls kriegt man Unterrichtszeit auch mit „Gelaber“, Zuspätkommen und ähnlichen Strategien um. Während des Unterrichts „vergessenes“ Material aus dem Lehrerzimmer zu holen, füllt schon mal fünf Minuten der Stunde.

Der Rückgriff auf solche Zeitfüllungsstrategien ist geläufig (auch wenn Lehrer*innen es ungern „zugeben“) und im Angesicht der hohen und vielfältigen Arbeitsbelastung von Lehrer*innen absolut nachvollziehbar und verständlich.

Meiner Meinung nach darf man jedoch nicht vergessen, dass es bei einer Unterrichtsstunde nicht nur um die Zeit des Lehrers geht, die er „irgendwie zu füllen versucht“, sondern in der Regel auch um die Zeit von circa zwanzig bis dreißig anderen Menschen.

Ein System, das die Lehrerin in solch eine Bedrängnis bringt, dass sie auf (sinnlose) Zeitfüllungsstrategien zurückgreifen muss, bringt damit der Zeit der anderen beteiligten Menschen keine Wertschätzung entgegen. Egal, was die Schüler*innen „geboten“ bekommen: verlorene Zeit durch (bewusste) Verspätung des Lehrers, durch sinnloses Gequatsche der Lehrerin, um Zeit zu schinden, durch Vergessen der Kreide im Lehrerzimmer, sie sind verpflichtet, im Unterricht zu bleiben.

Es gibt Menschen, die sich über solche Verschwendung ihrer Zeit ärgern. Auch wenn sie „erst“ 14 Jahre alt sind. Viele Schüler*innen freuen sich jedoch auch über solche Leerläufe. „Besser als Unterricht!“, ist ein Schülerkommentar, den ich häufig höre.

Egal was passiert, wie ihre Zeit in Schule fremdbefüllt wird (beispielsweise auch durch endloses Filmeschauen vor den Ferien), sie haben anwesend zu sein und ihre Aufmerksamkeit dem (Lehrer*innen)Treiben vor der Tafel zu widmen. Das ist kein respektvoller Umgang mit der Zeit anderer Menschen.

Würden wir solch einen Umgang mit unserer Zeit durch unseren Chef akzeptieren? Vielleicht schon? Denn dort sitzen wir am kürzeren Hebel…

Und nicht zu guter Letzt: Würden Lehrer*innen solch ein Zeitmanagement bei einem Schüler*innenvortrag akzeptieren? „Ach Moment, ich muss noch eben meine Karteikarten aus meinem Spind im Flur holen!“ „Nee, Lukas, so geht das aber nicht. Beim nächsten Mal bist du aber vorbereitet!“

Ich kann mich dem Eindruck nicht entziehen, dass in Schule häufig mit zweierlei Maß gemessen wird. Dabei geht es doch um dieselben „Kategorien“: Menschsein, Lebenszeit, Bedürfnis nach Wertschätzung, Respekt, Sinnhaftigkeit,…

Oder irre ich mich?