Schulischer Toilettengang

In Schule wird es am liebsten gesehen, wenn alle am Unterricht beteiligten Menschen in den Pausen die Toilette besuchen (HausmeisterInnen, SekretärInnen und andere allgemein an Schule beteiligte Menschen dürfen vermutlich jederzeit gehen. Oder müssen sie sich etwa auch an die Pausenzeiten halten?). Das erklärt unter anderem, warum Menschen zu spät zum Unterricht kommen: wenn sie nach zwei Doppelstunden Unterricht in der 15- oder 20-minütigen großen Pausenzeit neben Raumwechsel, dem ein oder anderen Gespräch mit SchülerInnen oder LehrerInnen und Material umpacken noch die Toilette aufsuchen möchten.

Die „Regel“ sagt, dass SchülerInnen sowie LehrerInnen in den Pausen auf die Toilette gehen sollen. Wenn Drini aus der 9. Klasse dann vor mir steht und sagt: „Ich scheiß mir sonst in die Hose.“, riskiere ich es lieber nicht und er geht auf die Toilette. Es gibt so ein paar „Kandidaten“ (gern genutztes Schulvokabular), die dann in nahezu jeder meiner Unterrichtsstunden zur Toilette gehen.

Auf LehrerInneneinwände wie „Du hattest doch gerade Pause!“ antworten SchülerInnen „Ja, aber da musste ich noch nicht!“. LehrerInnen gehen seltener während des Unterrichts zur Toilette. Wir sind schließlich erwachsen und haben schon besser gelernt unsere körperlichen Bedürfnisse zu regulieren bzw. zu unterdrücken. Ob das wirklich gesund ist, ist eine andere Frage.

Der Titel des Spiegel-Bestsellers von Thomas Böhm (laut Buchdeckel der Experte für Schulrecht) lautet: „Nein, du gehst jetzt nicht aufs Klo! Was Lehrer dürfen“. Im Buch findet man dann folgende Erklärung: „Lehrer sind in der Tat nur in seltenen Ausnahmefällen zur Gestattung des Toilettengangs verpflichtet. Leidet ein Schüler beispielsweise nachweislich an einer Blasenentzündung, darf er bis zum Ende der Erkrankung die Toilette auch während des Unterrichts aufsuchen. Den Nachweis bringt er durch die Vorlage eines ärztlichen Attests. Gesunden Grundschülern und erst recht Berufsschülern sollte es indes ohne Weiteres möglich sein, für 45 oder 90 Minuten auf den Gang zur Toilette zu verzichten. Bei der Entscheidung über die Erlaubnis, die Toilette während des Unterrichts aufsuchen zu dürfen, sind das Ausmaß der Unterrichtsstörung durch die Häufigkeit des Wunsches, die Zuverlässigkeit des Schülers, die Glaubwürdigkeit und Dringlichkeit des Wunsches und – bei Grundschülern – die Aufsicht während des Toilettengangs sowie die Lage der Toilette im Gebäude oder auf dem Gelände zu berücksichtigen.“*

Meine Güte, da möchte ein Mensch zur Toilette gehen.

Und wenn er/sie tatsächlich in dem Augenblick kein körperliches Bedürfnis hat, hat er/sie vielleicht ein seelisches: fünf Minuten allein sein, fünf Minuten durchatmen und einer (vielleicht stressigen) Unterrichtssituation entkommen.

Und ja, es gibt Menschen, die lieber allein zur Toilette gehen, als es in den Pausen als Massenevent zu zelebrieren.

Ist das wirklich schlimm?

Wer geht denn während des Unterrichts zur Toilette? Das sind die SchülerInnen, die sowieso mutiger sind und den Mund für ihre Bedürfnisse aufmachen. Wie viele würden auch gern fünf Minuten allein durchatmen oder müssten wirklich zur Toilette, aber sind zu brav, zu wohlerzogen, zu regelachtend (zu gehorsam), um überhaupt zu fragen?

Als Lehrerin sehe ich natürlich auch die Perspektive, dass es nervt, wenn alle fünf Minuten einE andereR SchülerIn zur Toilette geht. Es stört wirklich den Unterricht (besonders dann, wenn LehrerIn erstmal versucht, den/die SchülerIn vom Toilettengang abzubringen…). Vielleicht gäbe es aber auch andere Lösungen, um „Störungen“ durch Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu reduzieren.

Was wäre, wenn das Zeitraster in Schule weniger eng getaktet wäre und mehr Raum entstünde für Individualität? Was wäre, wenn wir unseren Bedürfnissen bejahend entgegen stehen würden und wir die Perspektive wechselten: das System passt sich an uns an, und nicht: wir passen uns an’s System an.
Ich denke, da gäbe es andere Lösungsmöglichkeiten als Toilettengänge während des Unterrichts zu ächten.

* Böhm, Thomas: „Nein du gehst jetzt nicht aufs Klo!“ Was Lehrer dürfen. München, mvg-Verlag, 2018, 5. Auflage, S.42f.