Unaufrichtige Kommunikation

Ein Schüler wiederholt die 9. Klasse. Im zweiten Durchgang der 9 sind in meinem Fach seine beiden Klassenarbeiten ungenügend. Außer einem Test sind alle mangelhaft oder ungenügend. Für die Versetzung in die Oberstufe sieht es also düster aus. Dennoch ist diese aus anderen Gründen in der pädagogischen Konferenz bereits beschlossen worden. Er wird folglich eine „5“ auf dem Zeugnis bekommen, um in die Oberstufe wechseln zu können.

Nun muss der Schüler (als einziger) eine zusätzliche Prüfung in meinem Fach am Ende des Schuljahres machen. Die offizielle Begründung lautet, dass er die Zeugnis-„5“ erreichen muss. Allerdings ist diese ja schon längst beschlossen…

Wie wird an solchen Stellen mit jungen Menschen kommuniziert? Hinter ihrem Rücken herrscht längst beschlossene Sache, dennoch werden sie in Unsicherheit gewogen.

Um ‘das System‘ nicht in Frage zu stellen? Um ‘die Regeln‘ korrekt zu befolgen?

Es gibt junge Menschen, die diese Unehrlichkeit spüren. Sie spüren, dass mit ihnen nicht aufrichtig kommuniziert wird. Das kann ein Gefühl der Unsicherheit auslösen. Und bringt es die jungen Menschen nicht in eine Abhängigkeit? „Irgendetwas ist nicht stimmig. Ich weiß nicht was. Mir bleibt nichts Anderes übrig, als zu tun, was die LehrerInnen verlangen.“ Denn wir LehrerInnen sitzen am längeren Hebel.

Der Schüler wird nach dem 9. Schuljahr mein Fach abwählen. Es fiel ihm immer schwer – oder aber er war schlichtweg nicht motiviert. Beides ist ok, finde ich.

Warum muss er diese Prüfung jetzt noch ablegen, wenn wir LehrerInnen doch schon längst entschieden haben, dass er in die Oberstufe kommt? Warum muss er sich jetzt nochmals mit dem ungeliebten (?) Stoff auseinander setzen?

Ich frage mich, wie er sich wohl fühlt. Vielleicht gedemütigt? Vielleicht ohnmächtig? Vielleicht fühlt er Sinnlosigkeit? So hätte ich wahrscheinlich reagiert. Vielleicht fühlt er aber auch Gleichgültigkeit im Hinblick dessen, dass er jetzt noch ein letztes Mal einen Lückentext mit französischen Vokabeln ausfüllen muss. Motivation ist bei ihm wahrscheinlich gerade eher wenig vorhanden. Junge Menschen müssen in Schule ganz schön viel verkraften.  Nochmal und nochmal und nochmal antanzen, um ge-prüft zu werden.

Ein Kollege allerdings sieht den Vorteil der zusätzlichen Prüfung ganz klar: „So ist er nochmal gezwungen ordentlich zu arbeiten!“

Ja.

Aber wozu?

Um ein letztes Mal, französische Verbkonjugationen in Grammatikübungen einzutragen? Das hört sich nach Sinn an…

… oder vielleicht doch eher nach Demütigung und Unterordnung oder sogar Machtdemonstration…?