LehrerInnenwachhund

In Schule ‘muss‘ ich ganz schön oft Wachhund spielen. Ich überwache Kinder im Klassenraum. Ich überwache Kinder beim Vokabeltest. Ich überwache Jugendliche bei der Klausur. Beim Mittagessen in der Mensa überwache ich junge Menschen oder beim Spiel auf dem Schulhof.

Manchmal kontrolliere ich vor dem Schulgebäude auf der Straße oder ich kontrolliere Flure und das Schultreppenhaus.

SchülerInnen dürfen während der Pausen nicht das Schulgebäude betreten. Das kontrolliere ich. Und dann kommt Sam in Begleitung von Lilly die Treppe hoch. Ich habe sowieso einen schlechten Tag und pflaume sie an: „Ihr wisst genau, dass ihr in der Pause nicht hier sein dürft! Ihr könnt sofort wieder umdrehen! Los!“ Als Antwort streckt Sam mir seinen blutenden Zeigefinger entgegen. Er ist auf dem Weg zu seinem Klassenraum, um ein Pflaster aus seinem Rucksack zu holen.

Da hat der LehrerInnenwachhund in mir wohl zu früh gebellt. Ich bin betroffen.

Was passiert in solchen Situationen? So fixiert auf die Einhaltung der Regel (plus andere Gründe: eigene miese Laune o.ä.) übersehe ich den Menschen, vergesse ich, dass hinter jedem menschlichen Verhalten eine Motivation steckt, und schimpfe, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, nach der Motivation des Schülers zu fragen.

Wie vielen anderen LehrerInnen mag das in Schule auch passieren, während sie gerade Wachhund sind?