Versetzungskonferenz

Weiterführende Schule. 2020er Jahre. Versetzungskonferenz im Kollegium.

Wir sprechen über „Problemkinder“. Wir „besprechen hier die schwierigen Fälle“. Wir sprechen über SchülerInnen, die zu „diesen Kandidaten“ gehören. Wir benennen die „unglaublich faulen Schüler“, „die an der 3- kratzen, wenn sie einen guten Tag haben.“ Wir sprechen über Kinder, „die faul waren und jetzt bestraft werden müssen“. Wir sprechen über Selin, „die das Problem ist“, aber zum Glück nicht über David. „Über David müssen wir uns keine Gedanken machen.“ „Natalie ist erst das nächste Problemkind“. Denn wir sprechen nur über „die Wackelkandidaten“. Eine Kollegin berichtet: „Ich habe mehrere solcher Spezies.“

Damit wir „unproblematische SchülerInnen, die normal mitlaufen“ formen,  bedienen wir uns verschiedener Strategien. Eine Kollegin berichtet, dass „sie ihren Schüler mit Emails penetriert hat. Irgendwann kamen dann Ergebnisse.“ „Der hat den Kopf in der Schlinge gehabt“, aber der „Warnschuss“ hat ihn wohl wach gerüttelt. Andere KollegInnen „treten ihren SchülerInnen in den Hintern. Sie brauchen diesen Druck.“ Es wird des Weiteren empfohlen, dass „die anderen Fächer auch mal Druck machen“. Ein Kollege erklärt sich bereit, den Schüler „auch noch ein bisschen zu gängeln.“ Was auch gut wirken soll, ist die SchülerInnen „noch ein bisschen zu ärgern, noch eine böse Email mit drohendem Ton zu schreiben“. „Die Eltern an der Strippe zu haben, macht auch Eindruck.“ Aber manchmal ärgern WIR uns auch, „dass wir gemailt, gemacht, getan, die Mailbox vollgequatscht haben“ , der Schüler doch schon so „ein grottiges Zeugnis“ hatte und „wir ihnen doch schon ins Gewissen geredet haben“, und trotzdem nichts passiert.

Wir ärgern uns, dass die Leistungen jetzt nicht besser sind, weil „es im letzten Schuljahr auch schon super knapp war“ und „es auf der Kippe ist“. Wir verstehen nicht, warum die Schülerin nichts tut, „obwohl ich die 5 schon gesetzt habe“. Auch Natalie verbessert sich nicht, „obwohl ich versucht habe, mit einer Gnaden-4 zu motivieren.“ und „obwohl sie doch eigentlich weiß, dass sie was tun muss.“. Und auch Cigdem ist nicht öfter in der Schule anwesend, „obwohl wir doch die Attestpflicht gegen’s Blaumachen verhängt haben.“

Zum Glück gibt es auch SchülerInnen, die „nicht verkehrt sind“, „die nicht gefährdet waren“. Ein Junge, über den gesprochen wird, ist „kein dummer Junge. Er ist nur systemabgeneigt.“ Und es gibt SchülerInnen, die „immer versucht haben, alles richtig zu machen.“ Das stimmt uns etwas versöhnlicher.

Aber nicht, dass wir missverstanden werden: „Wir wollen ihnen doch überhaupt nichts!“ Und stellenweise erkennen wir: „Ja, der hat Angst.“ und „Sie ist still und verschüchtert.“

Eine Kollegin erkennt die Schwierigkeit eines Schülers: „Der hat das Problem, seine Eltern glücklich machen zu müssen.“

Und was ist die Schwierigkeit der anderen SchülerInnen? Könnte es sein, dass ihr Problem ist, ihre LehrerInnen glücklich machen zu müssen?

Anmerkung: Das ist Sprache, die tatsächlich so in (vielen/einigen/manchen/wenigen?) Schule genutzt wird.