Fremdbesetzte Köpfe

 „[In der Schule als Schülerin] [m]einen Kopf mit Wissen vollzustopfen, das schmeckte wie ein Fertiggericht. Ich wollte doch, um in diesem Bild zu bleiben, viel lieber selbst kochen, mit frischen Zutaten und eigenen Rezepten! Jeden einzelnen Tag musste ich mich zwingen, dorthin zu gehen, am Ende der Ferien habe ich immer einige Abende geheult, weil ich wusste: Es geht wieder los, mein Kopf wird wieder fremdbesetzt.“ *

Als ich die obigen Sätze vor ein paar Jahren las, konnte ich das beschriebene Gefühl der Fremdbesetzung gut nachvollziehen. Wie oft habe ich selbst in der Schule Texte lesen müssen, die mich nicht interessierten. Ich zwang mich, sie trotzdem zu lesen. In zwölf Schuljahren kamen natürlich so einige Texte zusammen. Ich erinnere mich an diese lethargische Trägheit in diesen Momenten, die mir meine Lebendigkeit raubte. Diese seitenlangen Texte aus dem Sowi-Unterricht. Mein Energieaufwand, um mein Desinteresse zu überwinden und die Seiten trotzdem zu lesen, war groß.

Wie viele junge Menschen werden weiterhin täglich gezwungen, für sie uninteressante Texte zu lesen? Oder zwingen sich selbst dazu, weil sie sich genötigt fühlen und diese Normalität der Nötigung gar nicht erst in Frage stellen? (So wie ich damals. Es ‘musste’ halt sein.)

Bei mir stellte sich im Laufe der Schulzeit ein unangenehmes Gefühl ein, dass ich in manchen Bereichen desinteressiert war, und irgendwie ein schlechtes Gewissen, dass ich eigentlich meinen eigenen Fragen, Themen und Gedanken nachgehen wollte, für die in Schule kaum Platz war. Ich glaube, das ist der Punkt, an dem Entfremdung stattfindet. Ich begann, mein Eigenes in Frage zu stellen und mich für mein Eigenes schlecht zu fühlen.

Denn auch mein Kopf wurde fremdbesetzt.

(Oder aber: ich ließ meinen Kopf damals fremdbesetzen.)

*Zitat von Miriam in: Schwiebert, Andrea: Kluge Köpfe, krumme Wege? Junfermann Verlag, Paderborn, 2015, S.78.