Authentizität, schulische

Ich habe Unterricht in der Q1 (11. Klasse, noch ein Jahr bis zum Abitur). Die Kompetenz „Sprechen“ ist wegen Corona zu kurz gekommen. Also sprechen wir. Die 15-bis 16-jährigen Menschen vor mir beschreiben zum x-ten Mal irgendein Bild in der Schule. Ich selbst finde es öde langweilig. Ob sie das wohl auch so empfinden, aber die Langeweile ‘einfach‘ wegdrücken und trotzdem meinen Anweisungen nachkommen? Klar, man könnte meinen: „Diese Frau Pfuhl ist aber keine sehr engagierte Lehrerin. Wenn sie sich sogar selbst langweilt, sollte sie vielleicht mal über ihr Material nachdenken oder eine andere Methode einsetzen.“ Klar, könnte man so meinen. Allerdings ist das eingesetzte Material top aktuell, thematisch relevant (zumindest sagt es so der Lehrplan), von einem guten Schulbuchverlag entworfen und didaktisch sehr kompetenzorientiert aufgearbeitet. Die gewählte Methode hat eine klare Progression, hat Bezug zur Lebenswelt der SchülerInnen, bietet einen Schonraum und fordert starke SchülerInnen so wie sie schwächere SchülerInnen unterstützt. Alles top. Zumindest laut der Kriterien für guten Unterricht aus der LehrerInnenausbildung. Komisch, dass es trotzdem langweilig ist.

Nach der Bildbeschreibung geht es weiter mit einem Dialog. Die SchülerInnen sollen sich eine von zwei Rollen aussuchen, sich ein paar Gedanken über ihre Argumente zu der Fragestellung machen und anschließend in den Dialog mit dem Partner gehen. Manche Pärchen diskutieren zehn Minuten, bei anderen verebbt der Dialog nach zwei Minuten. Vorstellen will am Ende keiner und ich möchte sie nicht zwingen. Gezwungen werden wollte ich nämlich früher in der Schule auch nicht. Also stellt halt keiner vor. Auch ok. (Allerdings nicht für die mündliche Note! (Nur am Rande bemerkt.))

Plötzlich habe ich einen Geistesblitz, der mir zu Hause am Schreibtisch bei der Unterrichtsvorbereitung nicht gekommen war. Ich frage die SchülerInnen zu ihren persönlichen Erfahrungen zu dem Thema. Und – wieder – plötzlich merke ich, wie eine Tür aufgeht. Plötzlich ist da ein Hauch von Leben im Raum. Es geht um sie, es geht um mich, es geht um ehrlichen Austausch und aufrichtiges Interesse. Wir dürfen unsere Rollen verlassen (SchülerInnen tun, was LeherInnen sagen; LehrerInnen schreiben vor, was SchülerInnen tun) und sprechen von Mensch zu Mensch miteinander. Plötzlich melden sich 5 von 6 SchülerInnen und möchten ihre Erfahrungen teilen (ja, es ist ein Minikurs).  Den erzwungenen Dialog mit vorgegebenen und gefälligst anzunehmenden Rollen eben wollte keiner vorstellen…

Wo ist der Unterschied?

Einmal geht es um das Leben, einmal geht es um Simulation von Leben. Einmal geht es um den Menschen, einmal geht es um die Rolle.

Und plötzlich ist die Langeweile weg, plötzlich steht Interesse im Raum. Plötzlich fließt da was. Und zwar ganz ohne Vorbereitung, didaktisch aufgearbeitetes, ‘wertvolles‘ Material oder im Vorfeld sorgfältig ausgewählte Methode.

Könnte das Authentizität in der Schule sein?