Sie spüren das Unrecht, das ihnen angetan wird

„Frau Pfuhl, diese Aufgaben sind Kinderfolter!“
Bei diesen Worten eines Schülers schlucke ich ziemlich und meine erste Reaktion ist: „Quatsch, so schlimm ist das nicht.“ Aber in Wahrheit flüstert da schon eine Stimme in mir: „Hat er nicht vielleicht Recht? Er muss hier sein, hat nicht die Wahl, wird genötigt, diese Aufgaben zu machen. Wenn er es nicht tut, folgt eine Konsequenz (Strafe).“ …

Eine Schülerin kommentiert einen Pflichtbesuch an der Partnerschule im Ausland: „Ich will da nicht hin. Das ist Menschenrechtsverletzung. Sie können uns nicht zwingen.“ Einen erwachsenen Menschen könnte man nicht zwingen, einen jungen aber schon?
Eine Kollegin im Lehrerzimmer reagiert so auf die Aussage der Schülerin: „Ach, die sagen so was jeden Tag. Die sollen sich mal nicht so anstellen. Die haben es doch gut, dass sie diese Möglichkeit haben. Nimm dir das nicht zu Herzen.“ Da ist sie. Die übergriffige Haltung zu wissen, was für einen anderen Menschen richtig und gut ist. Und dann ist dieser bevormundete, zwangsbeglückte Mensch noch nicht mal dankbar!

Eine eigene Erfahrung aus meiner Zeit als Schülerin. Die Schule ist fast aus. Die Freiheit zum Greifen nah. Da brummt uns der Englischlehrer im letzten Moment noch eine dicke Hausaufgabe auf: Aufsatz schreiben. Warum darf dieser Mann über meine Zeit verfügen?

Ein Schüler und ein Lehrer sind „aneinander geraten“. Während des Konflikts verlangt der Kollege mehr Respekt ihm gegenüber vom Schüler. Der Schüler antwortet: „Meinen Respekt müssen Sie sich erstmal verdienen.“ Aufgrund dieser ‚Respektlosigkeit‘ geht es nun zum Vorgesetzten mit dem Schüler. Haben wir nicht alle den gleichen respektvollen Umgang verdient?

Eben jener Schüler macht mich in meinem Unterricht aufmerksam: „Es ist ungerecht, wie Sie ermahnen. Und von manchen beantworten Sie reingerufene Fragen, von anderen nicht. Das ist nicht fair.“ Ich bestätige ihm, dass das richtig ist. Ich bin oft nicht gerecht und mache Fehler. Ich sehe und höre nicht alles. Seitdem sitzt er vorne direkt bei mir am Pult in der ersten Reihe.
Liegt es daran, dass ich meine Schwächen zugebe und seine Kritik nicht als respektlos abwehre?
Denn, oh Wunder, ja, ich bin ein Mensch und auch in der Rolle als Lehrerin mache ich nicht alles richtig, sondern vieles auch falsch. Und wissen tu ich auch nicht alles. Auch als Lehrerin nicht. Auch wenn LehrerInnen das Wissen oft gern für sich pachten.