Schule – „So schlimm war es doch gar nicht!”

Arno Gruen schreibt über unseren Gehorsam, den wir in den westlichen Gesellschaften früh erlernt haben:

„Die Macht der Eltern über uns erkennen wir nicht, denn in unserer Kultur gelten Mutter und Vater als allwissend, als wohlwollend, weil sie nur das Beste für uns wünschen.
Folglich wird auch Gehorsam nicht als das wahrgenommen, was er ist, ja mehr noch, ein Großteil der Menschen fühlt sich gerade dann besonders bedroht, wenn sie mit der Wahrheit über ihren Gehorsam konfrontiert werden. Diese Bedrohung erinnert uns an die eigentlichen Umstände unserer frühkindlichen Entwicklung, die aufs Engste mit dem Gehorsam verbunden sind. Diese Umstände müssen daher unterdrückt werden, weil sie sonst Angst und Terror auslösen würden.“*

Lassen sich die Eltern nicht austauschen gegen die LehrerInnen?

„Die Macht der [Lehrer und Lehrerinnen] über uns erkennen wir nicht, denn in unserer Kultur gelten [Lehrerin] und [Lehrer] als allwissend, als wohlwollend, weil sie nur das Beste für uns wünschen.
Folglich wird auch Gehorsam nicht als das wahrgenommen, was er ist, ja mehr noch, ein Großteil der Menschen fühlt sich gerade dann besonders bedroht, wenn sie mit der Wahrheit über ihren Gehorsam konfrontiert werden. Diese Bedrohung erinnert uns an die eigentlichen Umstände unserer [frühschulischen] Entwicklung, die aufs Engste mit dem Gehorsam verbunden sind. Diese Umstände müssen daher unterdrückt werden, weil sie sonst Angst und Terror auslösen würden.“

Reagiert dieses Zitat nicht auch auf unsere Beschwichtigung: „So schlimm war es (in der Schule) doch gar nicht.“?

Doch, es war schlimm.

Aber wir ziehen es vor, unseren Schmerz und das Leiden, das wir in Schule erlitten haben, zu leugnen. Denn das ist insgesamt weniger schmerzhaft als sich dem in uns gespeicherten Schmerz aus langen Schuljahren zu stellen. Unterdrückung von Schmerz und Ablenkung von diesem ist eine häufig gewählte Strategie der Menschen. (Nicht umsonst hängen wir sehr am Konsum jeglicher Produkte). Den erfahrenen Schmerz nicht zu leugnen, sondern sich ihm zu stellen, das heißt, ihn wahrzunehmen und zu fühlen, kostet sehr viel Mut.

Und es ist sehr viel schmerzhafter als ihn zu verdrängen. Und deswegen sagen viele Menschen: „So schlimm war es doch gar nicht.“

* Gruen, Arno: Wider den Gehorsam. Klett-Cotta, Stuttgart, 2015, 8. Auflage, S.15f.