Das I-Tüpfelchen

Wir schreiben circa das Jahr 2005.

Damit meine geschichtliche Bildung nicht auf der Strecke bleibt, werde ich, wie so oft in Schule aus guter Absicht, gezwungen, den Geschichtsangleichungskurs kurz vor’m Abi zu belegen. Ich weiß tatsächlich nicht mehr, welchen Stoff wir gerade bearbeiten (mhm, das Ziel, mir wichtige geschichtliche Bildungsinhalte einzutrichtern, ist wohl nicht erreicht worden).

Bei der Notenbesprechung einer Aufgabe erklärt mir die Lehrerin, dass meine Ergebnisse befriedigend sind. Voll befriedigend. Aber zur 2 würde einfach noch das I-Tüpfelchen fehlen. Okaaaay. Wie dieses I-Tüpfelchen genau aussieht, konnte sie mir trotz mehrerer Nachfragen nicht deutlich machen.

Oder vielleicht wusste sie es selbst nicht? Und es war eher so ein Gefühl, dass da noch was fehlt bei meinen Ergebnissen?

Heute aus Lehrerinsicht kann ich ihre Perspektive, ‚dass da noch was fehlt‘, besser nachvollziehen. Wie oft hat man Texte vor sich, die gaaaaanz guuuuut sind, aber einen doch nicht 100%ig überzeugen.

Aber muss denn auch alles in eine Form der Noten von 1-6 gequetscht werden? Können wir nicht einfach mal etwas oder jemanden sein lassen? Wie es ist?

Lisa ist ein eher stilles, introvertiertes Mädchen. Das ist ihre NATUR. In der Schule ist das aber ganz unpassend. Da sollte man ja scharf drauf sein, täglich die Rampensau zu spielen und zum Besten zu geben, was man alles so kann und weiß und denkt. Und zwar vor rund 20 MitkonkurrentInnen und vor dem Bewertenden vorne am Pult, der sich dann am Ende der Stunde – wenn er denn ein guter Lehrer ist – die SchülerInnenleistungen auch sofort notiert. Damit auch alles gut dokumentiert ist. Nur für den Fall eines Widerspruchs.

(Für die interessierte Leserin und Nicht-Lehrerin: Zur kurzen Leistungsdokumentation nach der erteilten Stunde eignen sich übrigens mehrere Methoden. Der traditionelle Typ greift auf die bodenständigen Noten 1-6 zurück. Möglich sind aber auch Kreuze, Kringel, Kreise, Wellen, Plus, Minus, Herzchen, Sternchen, Wölkchen, Schäfchen, Entchen, … ; je nach Kreativität und Zeichenfertigkeit des betreffenden Kollegen.)

Zurück zu Lisa. Lisa arbeitet in den Stillarbeitsphasen im Unterricht fleißig und sorgsam. Wenn der gewissenhafte Lehrende im Klassenraum seine Runden dreht und den ihm anvertrauten jungen Menschen bei der Pflichterfüllung über die Schulter schaut, ob sie denn auch ordentlich arbeiten, sieht er Lisas guten Ergebnisse. Bei den SoMi*-Noten-Besprechungen bekommt Lisa jedoch immer wieder dasselbe zu hören: „Du arbeitest fleißig und gut. Wenn du mir nur auch mündlich zeigen würdest, was du kannst. Du musst dich mehr melden! Ich helfe dir. Ich kenne da so eine Strategie. Lege dir eine Meldeliste an und setze dir als Ziel, dich zwei Mal pro Stunde zu melden. Das trägst du auf deiner Meldeliste ein. So kannst du dich selbst kontrollieren.“

Was wäre denn, wenn wir Lisa einfach nur sein lassen würden? Sein lassen, so wie sie ist. Ohne sie zu quetschen.

Geht aber nicht! ES FEHLT SCHLIEßLICH DAS I-TÜPFELCHEN!

*Sonstige-Mitarbeits-Note. Darunter fallen alle im Unterricht erbrachten Leistungen (mündliche Beiträge, Tests, Referate, Einzel- und Gruppenarbeitsleistungen etc.)