Die Strichliste

In der 3. Klasse einer Grundschule in den 1990er Jahren.

Die Lehrerin erklärt erneut die Regeln: melden, drankommen, sprechen. Und nur die Antworten von den Kindern, die sich melden und darauf warten, sprechen zu dürfen, gelten.

Ich – seither ein sehr pflichtbewusstes Mädchen – melde mich eifrig, möchte meine Antwort geben.

Was passiert?
Ein Mitschüler ruft die Antwort rein. Und die Lehrerin lässt sie gelten. Ich fühle eine kleine Enttäuschung. Aber weiter geht’s. Nächste Frage. Wieder melde ich mich. Dieses Mal ruft eine Mitschülerin rein … und die Lehrerin akzeptiert die Antwort erneut. Die Enttäuschung ist schon größer! Ich weiß die Antwort auch und halte mich außerdem an die Regeln!

So geht es weiter: MitschülerInnen rufen rein, die Lehrerin nimmt ihre Antworten an, während ich aufzeige, die Lösung weiß und – gefühlt – nie dran komme.

Irgendwann gebe ich auf und melde mich nicht mehr.
Stattdessen beginne ich, eine Strichliste zu führen, wie oft welcher Mitschüler reinruft. Genauso, wie meine Lehrerin es auch mit fehlenden Hausaufgaben, fehlendem Material oder ‘Fehlverhalten’ von uns macht.

Ja, denn ich finde es ziemlich ungerecht, was gerade passiert! Nach einiger Zeit machen die MitschülerInnen die Lehrerin darauf aufmerksam, dass ich die ganze Zeit etwas aufschreibe. Die Lehrerin kommt, um mich zu kontrollieren.

Ich weiß nicht mehr, ob ich den Ärger sofort oder erst nach der Stunde bekommen habe. Jedenfalls habe ich für dieses „unverschämte Verhalten“ richtig Ärger bekommen. Mein Verhalten war „respektlos“ und „arrogant“. Sagte SIE.

Sie darf uns also mit Strichlisten kontrollieren, wir aber dürfen das nicht. Sie darf uns auf ‘Fehlverhalten’ aufmerksam machen, wir aber nicht.
Warum? Weil sie groß ist und ich klein?

Heute als Erwachsene überlege ich: Hat sie sich gefragt, was meine Strichliste über IHR Verhalten aussagte? Hat sie hinterfragt, WARUM ich das getan habe? Ich vermute eher nicht. Aber wissen tu ich es bis heute nicht.