Elternsprechtag

Bei einigen Terminen wollen die Eltern mich nur kennen lernen. Andere Termine, bei denen nur Lob ausgesprochen wird, weil der Schüler/die Schülerin alle Anforderungen (sehr) gut erfüllt, laufen ebenfalls entspannt. Zumindest entspannt für die Eltern (Ihr Kind macht alles richtig!) und für mich als Lehrerin (Meine Schülerin macht alles, was ich von ihr erwarte!). Zwei Parteien sind zufrieden. Nur, ist das Kind eigentlich auch zufrieden? Eine eher selten gestellte Frage.

Es gibt auch andere Termine. Termine, bei denen Eltern sich sorgen, dass ihr Kind „es“ nicht schafft und die mit mir besprechen wollen, wie der junge Mensch sich besser einfügen könnte.

Ein Vater sitzt mir mit seiner Tochter gegenüber. Der Vater berichtet besorgt, dass seine Tochter in jedem Fach schlechter geworden sei. Er wünsche sich doch nur, dass sie ein bisschen motivierter und freudvoller ihre Ziele verfolgt. Ich gebe zu bedenken: „Wir wissen gar nicht, ob die Ziele, die sie da erreichen soll, auch ihre Ziele sind. Haben Sie sie schon mal gefragt? Die Ziele stehen in den Lehrplänen und sind für den Schüler erstmal fremde Ziele. Und uns würde es gefallen, dass die SchülerInnen diese fremden Ziele motiviert und voller Freude verfolgen.“ Vater: „Jaaa, aber Lisas Bruder macht das so gut. Er lernt so viel, erzählt jeden Tag von der Schule. Er ist motiviert und fleißig.“ Ich: „Jetzt sprechen wir gerade mit Ihrer Tochter.“
Der Schülerin rinnen bei unserem Gespräch mehrmals lautlos die Tränen über die Wangen, sie wischt sie schnell wieder weg. Sie sitzt mir gegenüber. Ich sehe also ihre Tränen. Ich weiß nicht, warum sie weint, ich kann nur ahnen. Ich weiß auch nicht, ob der Vater ihre Tränen sieht.

Nächster Termin: Eine Mutter mit ihrer Tochter. Die Mutter: „Auf dem nächsten Zeugnis wird keine 5 stehen. Das verspreche ich Ihnen. Das wird nicht passieren. Denn sonst erreicht meine Tochter ihr privates Ziel nicht.” Hier ist die angewandte Strategie, die ausreichende Bewältigung schulischer Anforderungen an einen privaten Wunsch der Schülerin zu koppeln. Der Sohn im Grundschulalter eines Bekannten nennt diese Strategie „Erpressung.“ Ich beobachte häufiger, dass Kinder sehr klar sehen und benennen.

Ein weiteres Elternpaar. Es geht um den Sohn in der Pubertät, der alles andere im Kopf hat als Schule und in dessen Gehirn aufgrund von neuronalen Umbauarbeiten gerade Chaos herrscht. Deshalb fällt ihm vermutlich auch das Funktionieren in der Schule so schwer. Und wenn wir es einfach vertrauensvoll annehmen könnten, dass in einer gewissen Lebensspanne das Gehirn junger Menschen so stark umstrukturiert wird, dass schulische Inhalte nebensächlich werden? Was wäre dann? Vielleicht ‘müssten‘ Eltern und LehrerInnen dann weniger über die ‘schwere Pubertät‘ klagen. Vielleicht würde sich Entspannung einstellen. Bei den jungen Menschen. Bei den Eltern. Bei den LehrerInnen. Wäre das schlimm?

Eine andere Mutter, die von ihrem Sohn berichtet: “Er hat ein Mädchen kennen gelernt und ist seitdem wie ausgewechselt.” Ich: “Er ist verliebt?! Das ist ja schön!” Die Mutter: “Nein, das ist nicht schön. Das ist ganz schlecht für die Schule.”
Verliebtsein ist erst nach der Schule ‘erlaubt‘? Nach der Schule folgt die weitere Ausbildung. Ist Verliebtsein für diese nicht ‘schlecht‘?
Auf wann verschieben wir dann das Leben?

In der Schule wird den jungen Menschen vorgeschrieben, welche fremden Ziele sie wie verfolgen und erreichen sollen. Aus unseren Augen tun sie dies im Bestfall mit Freude, Sorgfalt und großer Motivation. Wenn wir bei ihnen bei der Bearbeitung fremder Ziele keine Freude, Sorgfalt und Motivation beobachten können, fallen schon mal Worte wie „faul, lustlos, schlampig, unmotiviert“. Warum sehen die SchülerInnen denn bloß nicht ein, dass das alles zu ihrem Besten geschieht? Tut es das denn, wenn ihnen dabei (unter Umständen dauerhaft) die Freude abhanden kommt, wenn sie lernen, sich ausschließlich extrinsisch zu motivieren (zum Beispiel durch Noten) und ihre eigenen Interessen nicht interessieren?

Wenn sich junge Menschen gegen fremde Ziele sträuben und nicht so funktionieren, wie wir LehrerInnen und Eltern es gerne hätten, damit die Zielerreichung reibungslos und stressfrei (insbesondere für uns!) abläuft, haben wir ein Problem (und der junge Mensch meistens auch – zumindest in der Schule). Das Problem lautet: der junge Mensch will nicht tun, was wir ihm vorschreiben. Also überlegen wir, wie wir es schaffen, dass der Mensch wieder funktioniert; das heißt, tut, was wir von ihm – zu seinem Wohl! – verlangen. Das ist Problemlösungsstrategie Nr.1.

Gibt es vielleicht andere Problemlösungsstrategien?
Was wäre, wenn wir losließen von unseren Zielvorstellungen für die SchülerInnen und uns stattdessen aufrichtig und ernsthaft für ihre Ziele interessierten? Oder was wäre, wenn wir gar unsere Definition von „Problem“ änderten?

Und was wäre, wenn wir den jungen Menschen fragten, ob ER vielleicht ein Problem hat? Sind wir mit unseren Zielvorstellungen für ihn vielleicht SEIN Problem?