Lehrerinnenfragen

Seit fünf Jahren arbeite ich als Lehrerin an (bisher vier verschiedenen) weiterführenden Schulen. Ich möchte gern von ein paar Erfahrungen aus meinem Lehrerinnenalltag erzählen, meine Empfindungen dazu teilen und von Fragen berichten, die mich in diesem Zusammenhang umtreiben.

Ich komme zu einer Vertretungsstunde in die 5. Klasse. Eigentlich hätten die SchülerInnen Politikunterricht zum Thema Stadtentwicklung. Sie haben Arbeitsaufträge (unter anderem: Male ein Bild zu der Stadt.), zu dem sie scheinbar präzisere Angaben brauchen, um arbeiten zu können. „Darf ich auf dem Bild auch eine Kirche malen?“, „Darf ich auch den Rhein malen?“, „Darf ich auch eine Rheinbrücke malen?“, „Darf ich auch ein Haus malen?“, „Darf ich auch den Rheinstrand malen?“, „Darf ich auch Filzstifte benutzen?“, „Darf ich auch auf kariertem Papier malen?“. Die Fragen der SchülerInnen zeigen mir, wie sehr sie bemüht sind, es richtig zu machen. Sind sie so sehr bemüht, dass sie sich kaum noch trauen, ‘Kleinigkeiten‘ selbst zu entscheiden? Was würde bei dem Kollegen/der Kollegin eigentlich passieren, wenn sie das Stadtmotiv eigenmächtig wählten und auf kariertem Papier malten? Nach 30 Minuten fast komplett stiller Arbeit (ich bin beeindruckt, so still ist es in meinem Unterricht nie. Wie macht der Kollege/die Kollegin das?) erlaube ich den SchülerInnen, nun schon mal Pause zu machen und etwas zu essen. – Weil sie so gut gearbeitet haben! Mir ist unwohl dabei, diesen Belohnungsmechanismus anzuwenden. Hätten sie ohne ‘gute‘ Arbeit keine Pause verdient? Und wenn ich ehrlich bin, habe ICH so großen Hunger, dass ich mich kaum noch konzentrieren kann. Also entscheide ich, weil ich hungrig bin und als Lehrerin die Macht habe, dass wir diese Pause doch etwas früher einleiten könnten. Könnte ein Schüler sich aufgrund von Hunger kaum noch konzentrieren, müsste er wohl dennoch bis zur Pause warten. Das dahinterliegende Bedürfnis bei ihm und bei mir wäre allerdings dasselbe.

Anderes Setting: 7. Klasse, Fremdsprachenunterricht in der 9. Stunde: „Frau Pfuhl, können wir was spielen?“ Oft löste diese Frage Wut in mir aus. Jetzt einfach so was spielen?! Wir müssen arbeiten! Wir müssen etwas schaffen! Diese einfache Frage eines müden und erschöpften 7-Klässlers nach 8 Stunden Anwesenheit im Großraumbüro Schule triggerte bei mir mein eigenes eingeimpftes Leistungsdenken: „Wir müssen arbeiten und leisten, sonst…!“ Heute, jetzt sehe ich das ehrliche Bedürfnis eines erschöpften jungen Menschen nach Leichtigkeit, Freude und Spiel. Ist das schlimm? Habe ich dieses Bedürfnis nicht auch? Oh doch, das habe ich!

Die fast einstündige Mittagspause verbringen die LehrerInnen im Lehrerzimmer. „Wo sind eigentlich die SchülerInnen?“, frage ich mich schon lange. Auf dem Schulhof, bei Wind und Wetter, außer bei Regen. Dann dürfen sie im Gebäude sein. Würden wir Erwachsene unsere Pause eigentlich gern (zwangsweise) auf dem Schulhof verbringen?

Warum darf ich als Lehrerin zu spät kommen und es passiert nichts, ich muss mich bei niemandem entschuldigen, aber die SchülerInnen bekommen Ärger und müssen sich rechtfertigen? Gegebenenfalls. werden ‚in schlimmen Fällen‘ die verspäteten Minuten zusammengezählt und als Fehlstunden notiert. Ich erinnere mich gut an die Wut im Bauch, die ich als Schülerin angesichts solcher Ungerechtigkeiten empfunden habe.

LehrerInnenkonferenz. Es fallen Formulierungen wie „klein halten“, „die brave Hälfte der Klasse“,  „uneinsichtiges Verhalten von Schüler X“, „Schülerin Y ist gestört“, „Schritte gegenüber SchülerInnen einleiten“, „Schülerin Z hat keine Chance mehr“, „gemeinsam vorgehen“, „rumhampeln“, „aktive Leistungsverweigerung“, „knallhart“, „ansetzen, wo es weh tut“, „der ist noch ansprechbar“, „Sorgenkind“, „wir erwarten“, „wir haben mit dem Vater geschimpft“. Ich bin angespannt und frage mich: „Warum sollten wir jemanden klein halten? Ist mit der braven Hälfte der Klasse die angepasste Hälfte gemeint, die, die widerstandslos die Anweisungen ausführt? Sieht der Schüler nicht ein, dass das, was wir von ihm verlangen, das für ihn Richtige ist? Ist es denn für ihn richtig? Woher wissen wir das? Wie kann man jemanden einfach das Etikett „gestört“ aufkleben? Wissen wir, was in dem „gestörten“ Kind vor sich geht und warum es sich so verhält? Steckt hinter dem „Rumhampeln“ ein Bedürfnis nach Bewegung? Wann ist ein Kind denn überhaupt ein „Sorgenkind“? Wenn es nicht das tut, was wir von ihm erwarten und sich nicht so benimmt, wie wir es als richtig erachten? Keine der Fragen stelle ich laut. Noch nicht. Aus Angst?!

Ich kenne einen Schüler, der lethargisch tut, was von ihm verlangt wird. Die Pausen verbringt er allein auf einer Bank hockend oder neben der Eingangstür des Schulgebäudes stehend und starrt in die Ferne. Pause für Pause. Tag für Tag. Die KlassenlehrerInnen versichern, dass sie sich schon um ihn gekümmert haben, weil es ja wirklich „komisch“ ist, wenn jemand nur da steht und in die Ferne starrt. Der Schüler wolle das aber so, alles sei in Ordnung. Können wir einem Menschen, nur weil er sich anders verhält als andere Kinder, sofort den Stempel „komisch“ aufdrücken? Was ist, wenn sein Verhalten Ausdruck dieser Entfremdung, die in Schule stattfindet, ist? Ich kann es durchaus nachvollziehen, dass, wenn die brave Pflichterfüllung im Unterricht mit dem Pausengong endet, dann nicht sofort der innere Schalter auf Freude, Freiheit und Spiel umgestellt wird. Zumal diese kurze Freiheit nur 15-20 Minuten dauert, inklusive Gehweg zwischen Schulhof und Klassenräumen.

Ich bewundere all die jungen Menschen, die trotz dieser Bedingungen in Schule fröhlich sind (es sind nicht alle fröhlich), jeden Tag aufs Neue kommen und auf ihre Art und Weise kooperieren. 

Und ich frage mich, was wir LehrerInnen eigentlich für ein Bild von den SchülerInnen haben, wenn wir denken, dass nur unter Druck ‘etwas aus ihnen wird‘. Dass sie nur ‘gelingen‘, wenn wir sie antreiben, zwangs-motivieren und ungefragt bewerten. Misstrauen wir im Endeffekt nicht uns selbst?

Wir waren schließlich auch mal SchülerIn.